03 – Wechsel von Insulin und ‘Lifestyle‘

In meinem zweiten Blog habe ich über einige meiner persönlichen Erinnerungen an die 35 Jahre geschrieben, in denen ich eine Insulinmischung aus kurz- und langwirkendem Insulin verwendet habe. Eine kürzlich geschehene Wende wird in diesem dritten Blog beschrieben. Der Wechsel zu einem anderen Insulinbehandlungsplan und zu einem anderen Ess- und Lebensstil.

Immer noch ein moderner Diabetiker nach meinem fünfzigsten

Als ich Ende 2017 (als geborener Niederländer) von Österreich nach Deutschland zog, musste ich einen Hausarzt suchen, der mir Rezepte für meine Medikamente Novomix und Candesartan (Blutdrucksenker), Nadeln und Teststreifen verschreiben könnte. Ehrlich gesagt, wurde ich für relativ kurze Zeit von einem Internisten zum Zeitpunkt der Diagnose von Diabetes behandelt. Aber nach dem ersten Umzug (weg von meinem Geburtsort) suchte und fand ich immer Hausärzte für HbA1c-Untersuchungen und für das Ausstellen von Rezepte. In meinen früheren Blogs habe ich beschrieben, wie ich jahrelang auf einer disziplinierten Basis mit zwei täglichen Injektionen von gemischtem Insulin mit sechs Mahlzeiten pro Tag lebte. Meine fünfunddreißig Jahre habe ich so weitergeführt, während ich mich über mögliche neue Entwicklungen in der Behandlung von Diabetes nur spärlich auf dem Laufenden gehalten habe. In Wien hatte ich eine Diabetikerin in meinem Team, die meiner Meinung nach sehr oft ihren Blutzucker testete und genauso oft eine zusätzliche Spritze nutzte. Sie aß einfach den Kuchen, den ein anderer Kollege für das Team mitgebracht hatte, während ich, wie ich es gewöhnt war, sehr freundlich bedankte.

Die Assistentin des Hausarztes, die ich in Deutschland vorhatte (in der gleichen Straße – schön und leicht!) sagte, dass der Arzt keine weiteren Patienten akzeptierte. Ich wollte mich nicht so schnell wegschicken lassen und begann darüber zu reden, wie schwer es ist, sich zu orientieren, wenn man gerade umgezogen ist und wie wichtig es ist, einen Arzt zu finden. Sie begann sich zu entschuldigen und sagte, dass die Praxis auf Patienten mit Diabetes spezialisiert ist, … Bingo! Sagte ich. Und vielleicht fiel mir etwas Widerstreben auf, aber sie durfte keine Zuckerpatienten zurückweisen, und ich hatte zum ersten Mal seit langer Zeit einen Termin bei einem Diabetesspezialisten.

Zwei Wochen später, mit den Briefen meines österreichischen Hausarztes in meiner Tasche (eine Liste der HbA1c-Werte und der Medikamente, die ich verwende), wurde ich zuerst von einer Krankenschwester befragt und untersucht. Mögliche Nervenschäden wurden untersucht, indem eine Feder unter meinen Füßen gekitzelt wurde: gut! HbA1c wurde auf der Stelle mit Blut aus dem Finger bestimmt – ich war immer daran gewöhnt, ein Röhrchen dafür zu geben, das dann zur Analyse ins Labor ging. Der Wert betrug 5,8%. Sehr gut! Gewicht 88 kg – auch okay mit meiner 1,94 m Länge. Blutdruck war, trotz meiner Medikamente (Candesartan) auf der hohen Seite: 160/110. Ich hatte an diesem Morgen eine nervige Unterhaltung mit meinem Vorgesetzten; nach einigen Wochen hatte ich leider schon gemerkt, dass die Unternehmenskultur nicht die war, die ich mir vorgestellt hatte – vielleicht hatte das etwas damit zu tun.

Beim Arzt wurde ich nach meinem Messgerät (OneTouchVario) gefragt, das er an seinen Computer anschloss. Er sah hauptsächlich relativ hohe und relativ niedrige Werte – ich versuchte zu erklären, dass ich nicht regelmäßig gemessen hatte, sondern nur, wenn ich dachte, dass ich hohe oder niedrige Befunde hatte. Er schlug vor, Tageskurven zu machen, das heißt alle zwei Stunden Messungen zu machen und notieren wie viele Broteinheiten ich tagsüber aß. Er beteiligte sich auch an einer neuen Insulineinstellung, denn es sei nicht mehr zeitmäßig, nur gemischtes Insulin zu verwenden.

Nach zwei Wochen zurück zum Arzt: die Tageskurven sahen ziemlich gut aus, wo ich auch die Mahlzeiten notiert hatte, umgerechnet zu Zahl BE’s (Broteinheiten: 1 BE = 10 Gramm Kohlenhydrate). Es gab einige niedrige Blutzuckerwerte dazwischen, und er kam zu dem Schluss, dass ich mehr (zu) niedrige Werte hätte, wenn ich nicht extra gegessen hätte – ich sagte, dass ich seit 35 Jahren daran gewöhnt war, Zwischen-Mahlzeiten zu essen. Meine persönliche Lektion war, dass das regelmäßige Messen meines Blutzuckers mir half, niedrige Blutzuckerwerte zu verhindern; ich war mit dem Arzt soweit einverstanden, dass ich dafür das „Instrument“ Essen benutzte. Er erklärte, dass, obwohl ich ein relativ gut angepasster Diabetiker war, heutzutage Diabetiker eher auf zwei Arten von Insulin eingestellt sind. Eine Injektion mit lang wirkendem Insulin und mehrere kurz wirkende Injektionen je nachdem, wie oft und was du esst. Er wollte, dass ich darüber nachdachte (er hatte wahrscheinlich einen Kurs über Änderungsmanagement gelesen), aber ich stimmte sofort zu. Das einzige, was ich vorschlug, war, damit anzufangen, wenn ich meine Glukose kontinuierlich überwachen könnte, ohne ständig Fingerstechen machen zu müssen; ich hatte den FreeStyleLibre-Sensor von Abbott ein Jahr zuvor auf eigene Kosten ausprobiert. Ich hatte immer noch den Leser, und ich schlug vor ein paar Sensoren für dieses Experiment zu bestellen. Und so ging es.

Als die FreeStyleLibre-Sensoren zur Verfügung standen, verschrieb der Arzt Toujeo als lang wirkendes Insulin und als kurz wirkendes Fiasp. Wir hatten eine Diskussion über die Injektion von Toujeo, weil der Arzt vorschlug, dies immer zur gleichen Zeit im Bauch zu tun. Meine Vorliebe ist es, dies morgens im oberen Bein zu tun; wir haben zugestimmt. Ich würde die Fiasp-Injektionen in die Bauchhaut tun. Er schrieb auch Nadeln, viel kürzer als die 8 mm, die ich gewöhnt war. Injektionen mit 4 mm Nadeln kannst du einfach senkrecht in deine Haut tun, während ich früher, eine Falte griff um die 8 mm Nadel diagonal zu spritzen – und mit einem Wattebausch beim Herausziehen. Wow, das würde ich mich umstellen!

Die Veränderung war und ist riesig! Ich hatte von Anfang an einen Plan vom Arzt bekommen. Eine feste Dosis von Toujeo und verschiedene Dosen von Fiasp abhängig von was er den Broteinheitenfaktor (BEF) nannte. In den ersten zwei Wochen habe ich mithilfe der FreestyleLibre Messungen recht ziemlich viel Korrektur Injektionen getan, aber mit den, für mich neuen 4 mm Nadeln war das kein Problem.

Der Dosis Toujeo habe ich letztendlich gemeistert nachdem eine Morgeninjektion von 14 Einheiten meinen Blutzuckerspiegel Tag und Nacht konstant hielt ohne zu essen oder Korrektur-Einheiten zu spritzen. Von 6 Mahlzeiten habe ich auf 3 Mahlzeiten umgestellt, die ich nicht mehr zu festen Zeiten einplanen muss. Abhängig vom Blutzuckerwert mache ich eine Injektion mit Fiasp; wenn es zwischen 5 und 8 mmol/l ist, dann mache ich keine Korrektur und spritze eine Einheit für jede Broteinheit, die ich esse; dieser so genannte BEF kann für jeden unterschiedlich sein und kann auch über den Tag variieren. Bei > 8 gebe ich eine Korrekturdosis hinzu, um den Wert auf 7 zu reduzieren: eine Einheit, um den Wert 2 mmol/l zu reduzieren. Zum Beispiel, wenn ich für das Mittagessen fünf Sandwiches essen will und das Messgerät gibt einen Wert von 11 mmol/l – dann kurz rechnen: der Wert soll 4 mmol/l senken um den Blutzuckerspiegel von 11 zu 7 mmol/l zu bringen, wozu ich zwei Einheiten brauche; für 5 Sandwiches benötige ich, mit meinem BEF (1), 5 Einheiten: deswegen spritze ich für diese Mahlzeit 7 Einheiten.

Was ein Unterschied: früher, bei einem Blutzucker von 11 aß ich gerade nicht.

Wenn das Messgerät einen Wert von unter 5 anzeigt, fange ich zuerst an zu essen bevor ich nach etwa 10 Minuten Fiasp spritze.

Um sofort nach 35 Jahren als disziplinierter Diabetiker um zu stellen von Mischinsulin nach einmal tägliche Injektion von lang wirkenden Insulin und mehreren Mahlzeiten-abhängigen Injektionen mit kurz wirkendem Insulin, war eine Riesenveränderung. Wegen der neuen kleinen Nadeln ist das Unbehagen bei Mehrfachinjektionen eher gering. Es gibt mir absolut mehr Freiheit – besonders das Verschwinden der Notwendigkeit, in regelmäßigen Abständen essen zu müssen, ist „befreiend“. Auch das Prinzip, dass ich kann essen, was ich will und wie viel (aus Zucker/Kohlenhydrate Perspektive) sehe ich als Vorteil – wenn ich will, kann ich freilich meinen Fiasp Pen verwenden und ein Stück Kuchen essen.

Als ich eher nach meinen Essgewohnheiten gefragt bin (ich habe immer eine Tüte Brot zur Arbeit mitgenommen – ohne Aufstrich natürlich) habe ich immer gesagt, dass ich während des Tages aß um meinen Blutzucker im Griff zu halten und dass ich abends für das leckere Essen motiviert war. Jetzt freue ich mich auch auf das Mittagessen!

Im „früheren“ Leben habe ich, neben den normalen HbA1c-Befunden, nach meinem Gefühl und sporadischen Fingerstichen meinen Diabetes kontrolliert, indem ich Zucker/Kohlehydraten als Hilfsmittel aß oder gerade nicht. Wie gesagt, meine beiden neuen Insulinarten haben in kurzer Zeit zu einem Lifestyle-Wechsel geführt. Dieser Lebensstil der letzten Monate hat mich zu einer Art süchtig nach der kontinuierlichen Messung meines Blutzuckerwertes gemacht. Ich weiß ehrlich nicht, wie ich das ohne FreeStyleLibre hätte machen können. Also habe ich durch die konstanten Messungen gelernt, dass ich gelegentlich zu wenig Fiasp spritzte – ein neuer Pen spritzte zuerst etwas Luft, bevor das Insulin kam; dass bestimmte sportliche Aktivitäten in der Nacht und sogar am Tag danach noch fanatisch auf meine Muskeln wirkten und meine Glukosewerte auf 2-3 mmol/l senkten; und so gibt es weitere Beispiele für die möglichen Auswirkungen auf deinem Blutzucker durch kontinuierlich Monitoring.

In den Niederlanden, werden CGM (Continuous Glucose Monitoring) Geräte nicht erstattet, so dass du an häufige Finger Stiche oder Selbst-zahlung CGM Kosten gebunden bist. Wie gesagt, ich lebe derzeit in Deutschland und meine Krankenkasse ersetzt die FreeStyleLibre Sensoren.

Zum Schluss:

Bei meiner Arbeit, aber auch in meinem Privatleben, ist das Management von Veränderungen eine faszinierende Tätigkeit. Den Menschen bewusst machen, dass die Veränderung keinen negativen, sondern einen positiven Effekt haben wird. Und auch das Folgende Schritt-für-Schritt Prozess die Veränderung tatsächlich zu implementieren.

Aber warum, frage ich mich, bin ich nur so spät zugänglich geworden mein Insulinschema wie in diesem Blog beschrieben, zu ändern? Warum habe ich es nicht vor dieser Zeit gehört, oder nicht hören wollen?

Diese Frage ist auch von zentraler Bedeutung für eine meiner nächsten Blogs, eine plötzliche Veränderung in meinem Lyfestyle bezüglich Ernährung.

 


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Toujeo

Dies ist ein lang wirkendes Insulin, glargin, (Sanofi ist der Hersteller), das für 24-30 Stunden in den Körper langsam und kontinuierlich abgegeben wird, und eine so genannte Steady-state versorgt.

Fiasp

Fiasp von Hersteller Novo Nordisk, wird auch ein Mahlzeit Insulin genannt, und kann gerade vor oder 20 Minuten nach dem Start einer Mahlzeit gespritzt werden. Die Spitzenaktivität liegt zwischen 1 und 3 Stunden nach der Injektion und das Insulin wird nach 3-5 Stunden ausgearbeitet. Fiasp = Fastacting insulin aspart (NovoRapid).

Candesartan:

Angiotensin-2-Antagonisten-Inhibitor, der zur Entspannung und Erweiterung der Blutgefäße führt; es stimuliert auch Natrium (Küchensalz), um über den Urin eliminiert zu werden. Beide helfen, den Blutdruck zu senken.

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